Ich stelle mich lieber tot als zu kommunizieren*

*Untertitel: Der Everest ist so ca. 12.000m hoch

Letzte Nacht klingelte es an meiner Tür. Nachts. Halb 12. G. lag bereits in meinem Bett und kuschelte sich an mich. Wer konnte das also noch sein? Vor gut einem Jahr stand mal ein sehr betrunkener und verwirrter Mann in Lederhosen vor meiner Wohnungstür, der sich anscheinend im Haus geirrt hatte. Kann ja mal passieren nach fünf Maß. Ich hab mich allerdings ganz schön erschrocken und ihm die Tür vor der Nase direkt wieder zugeschlagen. Sollte es diese Nacht ein Wiedersehen mit dem Lederhosenmann geben? Ich überlegte einfach liegen zu bleiben und mich tot zu stellen. Das mache ich inzwischen ziemlich oft so, wenn ich kein Zalandopäckchen und auch keinen Besuch erwarte. Allerdings hatte ich ja G. neben mir der mich sicher beschützen würde und mich bereits schon interessiert fragte, ob das mein Zweitfreund wäre. Oder auch meine Zweitaffäre. Ich war mir nicht sicher. Manchmal holt einen die Vergangenheit ja auf einen Schlag wieder ein. Ich überlegte kurz, öffnete dann aber neugierig die Wohnungstür.

Vor mir stand E. sehr aufgelöst weil ihre Handtasche geklaut wurde und ich den Zweitschlüssel zu ihrer Wohnung hatte. Es war also gut dass ich die Tür öffnete, denn sonst hätte E. auf der Parkbank schlafen müssen. Danach kam ich ins Grübeln. Warum nochmal stelle ich mich gern tot, wenn ich nicht weiß wer da vor meiner Tür steht? Ich gehe übrigens auch ungern ans Telefon wenn mich eine unbekannte Nummer anruft. Manchmal öfter gehe ich auch nicht ran wenn mich Leute anrufen mit denen ich gerade nicht sprechen will. Ich hasse es an öffentlichen Orten zu telefonieren. „Ja, genau… ja…ja…genau…nein der Sex war einfach zu schlecht.“ oder „Hm? Ja, habe heute den Kellner wieder um 5 EUR betrogen. Kann ich doch nichts dafür wenn er falsch abkassiert.“ Oder „Hmmm ja, nein, nein, kannst Du machen. Ja, Swingerclub heute Abend geht klar. Freu mich! Bis dann!“ – BAM! Und schon weiß es die ganze U-Bahn. Muss ja nicht sein. Telefongespräche waren für mich schon immer eine private Angelegenheit. Früher als es noch kein Handy gab, konnte man mich eben nur erreichen wenn ich zu Hause war. Stundenlang fläzte ich auf dem Sofa und wickelte mir das Telefonkabel um Arme und Beine um mit meiner besten Freundin, die nur ein paar Häuser weiter wohnte, zu telefonieren. Heute ist ein Anruf irgendwie etwas Besonderes geworden. Zum Beispiel an Geburtstagen von Freunden. Die guten Freunde beglücke ich mit einem Geburtstagsanruf. Bekanntschaften erhalten eine Whatsappnachricht und wenns noch ein wenig unpersönlicher sein darf, einen Facebookeintrag. Wobei ich letzteres wirklich fast nie mache. Dann gratuliere ich lieber gar nicht als auf Facebook einem Schulkameraden von vor 20 Jahren „Alles Gute!“ auf die Pinnwand zu schreiben.

Auf jeden Fall habe ich es aber verlernt intim zu telefonieren. Lieber schreibe ich schnell eine Nachricht. Und zwar schreibe ich während ich auf die Ubahn warte oder während ich auf der Couch lümmele „Du fehlst mir.“ anstatt es zu sagen. Ich schreibe „Ich hab Dich lieb, Süße!“ anstatt es meiner Freundin direkt zu sagen. Ich schreibe „Danke für das schöne Wochenende“ kurz nachdem ich mich heute Morgen verabschiedet habe, anstatt es bei der Verabschiedung zu sagen. Das ist ein wenig schade, aber ich habe ein wenig verlernt solche Dinge direkt zu kommunizieren. Beim Schreiben kann ich dreimal drüber nachdenken wie ich was schreibe. Kann es wieder löschen und neu formulieren, während ich im direkten Gespräch dem Gegenüber ausgeliefert bin. Sofort erwartet er eine schlaue und ehrliche Antwort. Und mein Gesichtsausdruck verrät auch noch ob ich es ehrlich meine. Da kann ich nicht auf ein anderes Emoticon klicken und mein Gesicht passt sich entsprechend an, denn meine Visage macht einfach was sie will.

Im Gespräch muss ich auch noch hochkonzentriert aufpassen. Muss zuhören. Denn was er einmal gesagt hat, hat er gesagt und lässt sich nicht mehr im Verlauf nachlesen. D.h. ich muss mich ganz allein auf mein Gedächtnis, meine Spontanität und Schlagfertigkeit verlassen. Und das kann mitunter sehr anstrengend sein. Mein Gehirn merkt sich gern die unwichtigen Sachen und nicht die wichtigen. Letztens waren wir im Film „Everest“ und dann meinte ich im Nachhinein dass ich nicht auf Zwöftausendmeter Höhe erfrieren möchte (Ja, klar, weil das ja irgendwer MÖCHTE). Dass der Everest nur 8848m hoch ist, hatte ich wohl ausgeblendet (PEINLICH! Das ist ALLGEMEINWISSEN! Das muss man doch im Kopf haben! Hallo Blondie!) Aber an die Szene als einer der Darsteller zurück zu seiner Familie kehrte, mit abgefrorener Nase und abgefrorenen Händen, an die konnte ich mich noch sehr gut erinnern (Habe ich ja auch ein bisschen geweint dabei.)

Also neues carpe diesen scheiss diem Mantra:

„Spontanität! Schlagfertigkeit! Kommuniziere persönlicher. Direkter. Mehr telefonieren, weniger Nachrichten schreiben. Bedeutungsvolle Sätze über Sonnenlicht und Herzchenscheisse lieber einmal aussprechen als sie immer nur zu schreiben. Tür aufmachen, wenn es klingelt obwohl ich nicht den Zalandomann erwarte! Ans Telefon gehen, wenn ich in der Ubahn stehe, aber Sätze über Swingerclubs, Penisse und geprellte Zeche weglassen!“

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22 Kommentare

  1. Mist du nur noch Menschen finden, die das mitmachen. Wie haben doch alle zu viel mit unserem eigenen Leben zu tun um da noch Platz für spontane Telefonate zu haben. Telefonverabredung. Ja. Aber spontan?

    Viel Glück, denn daran ist diese Idee bei mir gescheitert.

    1. Ja, aber um jemanden einen schönen Tag zu wünschen muss man nicht immer eine Telefonverabredung vereinbaren. Dumm ist nur wenn der andere auch eine Fobie hat und nicht ans Telefon geht. 😉

      1. Oder sich denkt „ne ist mir jetzt zu persönlich“ „oh mein gott ist was schlimmes passiert?“ „warum rufst du dafür an?“ Rechne einfach mit Anlehnung. All I am saying.

  2. Huch! Finde mich hier so sehr wieder 🙂 Totstellen, wenn es klingelt und ich kein Paket erwarte. Nicht ans Telefon gehen, wenn Anonym anruft oder jemand, wo ich weiß: Das wird länger und ich bin grad nicht willig. Äh willens, meine ich. Telefonieren in der U-Bahn: Nicht, wenn es sich echt nicht vermeiden lässt. Letztens stand so ne Uschi neben uns, die hat – im Ernst! – das ganze Abteil unterhalten, so laut war die. Der Liebste hat dann alles Gesagte beantwortet. Also die Telefonierende sagte so ins Telefon: „Verstehst du?“ Und der Liebste so zu mir ganz hörbar: „Ja, versteh ich, aber sags doch noch mal.“ Sie hat sich nicht stören lassen, nicht mal böse Blicke haben wir kassiert. 🙂
    Bei Facebook habe ich früher eher regelmäßig Gratulationen verteilt. Aber immer mit einem zur Person passenden Bild und persönlichen Worten. Persönlich unpersönlich also. Zwar kenne ich fast alle persönlich (Ex-Schulfreunde etc.), aber nur von den wenigsten habe ich auch eine Telefonnummer. Worüber ich aber auch nicht traurig bin: Ich bin zwar eine Frau, aber ich HASSE telefonieren! (Ich habe keinen Handtaschentick. Und ich habe keinen Schuhtick. Glaube ich.)
    Und dem/ der anderen zu sagen „Ich hab dich lieb“… Ganz ehrlich? Sagen kann ich das nur ganz schwer, so, wie ich es auch nicht annehmen kann. Ich fühle mich dann immer unwohl. Das ist wie mit dem Geschenke auspacken: Alles steht da und wartet, dass ich fertig werde und zeige, wie ich mich freue. Ich hüpfe aber am liebsten unbeobachtet durch das Zimmer 😉 Und wenn mir einer sagt „Ich hab dich lieb“ und drückt mich vielleicht auch noch, dann fühle ICH mich peinlich berührt. Keine Ahnung wieso. Dann lieber über whatsapp schreiben „Ey Eule, ich vermisse Dich!“ Dann siehts keiner, wenn die sich geniert. Oder ich mich. Oder so.
    Ich glaube, ich bin bekloppt. Ja. Muss wohl so sein.

    1. Oh Gott! Diese Telefonate in der Ubahn sind grauenhaft. Die kann man doch wirklich kurz halten, oder? Peinlich!
      Ein bisschen schade dass es uns so schwer fällt „Ich hab Dich lieb“ zu sagen. Das hört doch jeder gern.
      Wenigstens gibt es noch mehr von meinem Schlag. 😉

      1. Sagen kann ich das schon – aber nur den wenigsten Menschen; nämlich dem Mann und den Kindern 🙂 Bei allen anderen tu ich mich da recht schwer, es zu sagen und es auch anzunehmen – da wiederum schreibe ich es lieber.

      2. Ach, das finde ich in Ordnung. So lang es der Mann und die Kinder zu hören bekommen. Die anderen sollen sich nicht so anstellen. 😉

  3. Heute telefoniere ich nur noch mit meiner Schwester stundenlang. Dafür verabreden wir uns meist vorher, wann wer wie Abends Zeit hat, aber mit 480km Abstand ist der Kaffeeklatsch einfach nicht machbar….

  4. Meine neueste Lieblingsvariante: Wenn wer Geburtstag hat, der mir lieb ist, aber ich keine Zeit fürs spontane Telefonieren habe (auch manchmal: haben will) – dann gibt’s die Whatsapp-Sprachnachricht. Inkl. Ständchen 😉

  5. Kenne ich nur zu gut!!! Stelle mich regelmäßig tot beim Klingeln an der Tür, wenn ich niemanden erwarte (scheisse nur, wenn das Licht sichtbar brennt). Rufe gerne auch mal Sätze wie „Bin nicht zu Hause“ aus dem Zuhause. Und ans Telefon geh ich bei unterdrückter Nummer sowieso nicht. Könnte ja irgendwer sein! Am schlimmsten sind Telefonate in öffentlichen Verkehrsmitteln. Oder an öffentlichen Plätzen. Letztens bin ich rangegangen, nur um ins Handy zu flüstern: „ich kann jetzt nicht telefonieren!“ Aber diese Telefonsprechsignalflächedingsbums will mich mobben.

    Du hast es schön zusammengefasst. Im Endeffekt: einfach mal wieder reden!

    Liebe Grüße

  6. …und wußtest Du, dass die (wer auch immer) so ein Telefonat nach 120 Minuten abschalten??? Frechheit sowas …schon mehrfach mit …ähh Schwestern 😉 ausgestestet. Ansonsten kann ich Dich voll und ganz verstehen…wenn Zalando nicht erwartet wird, mag ich auch nicht an die Tür 🙂

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