Wie ich meinen Job als Projektmanager überlebe

Ich bin ein Projektmanager und oftmals weiß ich nicht was ich hier eigentlich genau den ganzen Tag tue bzw. tuen soll. Ich gehe jeden Tag zur Arbeit, damit alle mein schönes Gesicht sehen. Das sitzt dann nichts wissend hinter seinem Rechner oder in Meetings um ab und zu mal so zu tun, als hätte es Ahnung. Eigentlich kann es aber nichts Sinnvolles dazu beitragen damit es in Zukunft unser Produkt in Timbuktu, Kasachstan oder der Mongolei und den restlichen 100 Märkten gibt. Ich tue natürlich den ganzen Tag so als wäre ich unersetzlich, indem ich Präsentationen erzeuge, Reportings auswerte, Projektmitarbeiter an Deadlines erinnere und immer mal wieder zustimmend „ja, da hast Du recht“ sage. Aber eigentlich kann sich mein Gesicht nur Wimperntusche auf die Augen machen und mit den weißen (na ja) Zähnchen schief lächeln. Wie überlebe ich also diesen grauen Alltag ohne dass es auffällt?

  1.  WTF
    Ich verwende im Gespräch und auch in meinen Emails Netzjargon: F2F, AFAIK, LGTM, WIMRE, FWIW, TGIF, FU. Damit wirke ich intelligenter. Eine Übersicht über verwendbare Abkürzungen findet ihr hier.
  2. Ich gewinne immer den Contest
    Wenn eine Emaildiskussion mehr als 10 Antworten enthält, bin ich oftmals die erste die ein Meeting vorschlägt. „Lasst uns das besser F2F klären.“ Ab 10 Emailantworten erwartet das jeder, aber nur eine gewinnt das Rennen und ist die Erste. (ich!)
  3. Time passes by
    Ich antworte auf Emails nicht sofort. Besonders nicht wenn ich Teil eines Verteilers bin. Das hat den Vorteil, dass es zum einen so aussieht, als ob ich ein total überfülltes Emailpostfach habe. Zum anderen löst sich das Problem oftmals dann von ganz allein. Wenn nach mehreren Tagen immer noch keiner geantwortet hat, das Problem weiterhin besteht und ich eindeutig der Adressat der Email bin, frage ich in die Runde wer sich darum kümmert.
  4. Gute Zeiten, schlechte Zeiten
    Fakten die alle wissen sollten, schreibe ich zu unmöglichen Zeiten an einen großen Verteiler. Dazu nutze ich „Sent from my iphone“ als Signatur. Gute Zeiten sind in etwa 23.14Uhr oder 6.12Uhr. Die Message ist klar: „Meine Gedanken kreisen auch außerhalb der Arbeitszeiten immer nur um meinen Job!“
  5. Ich nutze die Virtuosität des Ingenieurs
    Wichtig in allen Projekten ist der Entwickler oder Ingenieur. Den merke ich mir in neuen Projekten sofort mit Namen und Abteilung. In Meetings ist der Entwickler oftmals die ganze Zeit ruhig, weil er die Ideen und Vorschläge der BWLer hasst und für dumm befindet. Irgendwann kommt der Zeitpunkt an dem ihm der Kragen platzt und er etwas sagen wird. Diese Äußerung ist dann von großer Bedeutung, denn sie ist von unglaublicher Virtuosität. Am Ende jedes Meetings wiederhole ich dann ganz langsam mit bedeutungsvollen Worten was der Ingenieur gesagt hat und SCHWUPS geht seine Brillanz auf mich über.
  6. Das Wesentliche
    Gut ist es auch bei längeren Diskussionen zu denen ich nichts beitragen kann (oder will) irgendwann den Satz „Lasst uns bitte auf das Wesentliche konzentrieren!“ einzuwerfen. Damit beweise ich meine Fähigkeit chaotische Situationen zu entwirren und wirke souverän. Während einer dann wiederholt was gerade diskutiert wurde, tue ich so, als würde ich mir Notizen machen und nicke dabei auffällig.
  7. Nochmal zurück
    Bei Vorträgen ist es immer clever an irgendeinem Punkt den Vortragenden darum zu bitten noch einmal eine Folie zurück zu gehen. Dadurch wirke ich als würde ich interessiert und engagiert zuhören. Wenn ich dann noch einen Satz bringe wie „Ich bin mir nicht sicher was das jetzt heißen soll…“ wird der Vortragende noch einmal mit anderen Worten wichtige Dinge sagen und mich wird die Runde als wissbegierig und ergebnisorientiert wahrnehmen.
  8. Höhere Mathematik
    Gut ist es auch eben gesagte Sachen noch einmal umzuformulieren um mit ähnlichen Worten das Gleiche zu sagen. In etwa so: „Gut 75% der Befragten verneinen das.“ – Ich:„Das würde also heißen das Dreiviertel der Befragten die Sache nicht wollen?!“ Dabei wirke ich nicht nur an der Diskussion beteiligt (obwohl ich vorher nicht zugehört habe und über meine Abendplanung nachgedacht habe), sondern auch noch mathematisch hochbegabt. Der Neid meiner Kollegen auf meine Fähigkeiten höhere Mathematik einfach und verständlich für alle im Raum darzustellen steigt damit jedes Mal ins unermessliche.
  9. #stööööhn „Ich bekomme jeden Tag [mindestens doppelt so viele Emails wie Kollege X] Emails
    Was man oft und in jedem Büro immer wieder sieht sind Beschwerden über zu viel Arbeit, zu viele Emails, zu viele Anrufe etc. Damit sollte man ein wenig vorsichtig umgehen, weil dies zu unerwünschten Nachfragen führen kann. Ich setze dieses Stilmittel also nur in gewissen Abständen ein, z.B. wenn Kollegen von Telefongesprächen Bruchstücke mitkriegen oder ich länger als gewöhnlich im Büro bleibe (weil zum Beispiel meine Verabredung erst um 20Uhr kann und ich vorher nicht nach Hause fahren will oder der Yogakurs nicht eher startet).
  10. Selbstironie
    Das mir allerliebste und Euch inzwischen hoffentlich sehr gut bekannte Stilmittel ist (Selbst)ironie. Wenn ich also in Meetings gefragt werde was ich zu einem bestimmten Projekt meine, erzähle ich den Kollegen dass ich schon seit über einer Stunde nicht mehr zugehört habe und sage etwas wie „Leute, ich weiß ehrlich gesagt gar nicht worum es gerade geht, weil ich gerade gedanklich meine Einkaufsliste fürs Wochenende durchgegangen bin.“ oder „Gott, ich wünscht der Erdboden würde sich gerade auftun und könnte mich verschlucken und auf der anderen Seite der Erde auf irgendeiner einsamen Insel in der Südsee wieder ausspucken.“ Ehrlichkeit und Selbstironie kommt in den meisten Fällen gut an und die Kollegen sind froh dass es anderen genauso geht, lachen, denken kurz darüber nach mal meinem Chef auf meine Unaufmerksamkeit hinzuweisen, vergessen das aber beim nächsten Meeting wieder, da ich da Schokolade für alle mitbringe.

Wenn Ihr mich jetzt immer noch nicht für krass professionell und abgefahren intelligent haltet, lasst mich kurz erwähnen, dass ich mir heute künstlerisch wertvolle Krakel auf meine Bluse gemalt habe als ich heute Morgen bepackt mit Laptop, Block und Kuli ins Meeting gelaufen bin. Direkt auf die Brust! Sieht ganz toll und sehr professionell aus und jeder im Meeting hat mir heute auf die Tittis gestarrt anstatt meinem sinnfreiem und gehaltlosen Statusreport zu lauschen. Auch nicht schlecht.

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34 Kommentare

  1. Hahahahahaha, eigentlich versuche ich gerade (zum Freitagmittag) megaprofessionellundtotalsuperduperhochinterssiert an meinem Arbeitsplatz zu wirken, obwohl ich in Gedanken schon bei meiner Wochenendplanung im Internet bin. Diese wurde dann kurz durch das Lesen deines Artikels unterbrochen, was dazu führte, dass meine TArnung fast aufflog- ich bin nämlich gerade fast vor versucht-unterdrücktem Lachen vom Stuhl gekippt. 😀

  2. Respekt, hört sich megaanstrengend an. Ich könnte das nicht – vollkommen ironiefrei. Ich frag mich nur, wie lange man das durchhält…so ohne Sinn 😉
    Genieß Dein Wochenende und liebe Grüße

  3. Respekt! ich könnte das nicht – vollkommen ironiefrei. Ich frag mich nur, wie lange man das durchhält…so ohne Sinn zu arbeiten. Genieß Dein Wochenende dafür um so mehr 🙂
    Liebe Grüße

  4. Wir müssen zusammen gearbeitet haben:-))).
    15 Jahre im Marketing, haben bei mir Spuren hinterlasse.
    – nie auf einen Fehler hinweisen, denn dann trifft einen die Schuld unmittelbar und man gerät in eine Art Kreuzverhör.
    – nie Kollegen eine Idee erzählen, wenn sie gut ist, sind sie eher damit beim Chef
    – ein geniale Idee nicht öffentlich machen, je besser du bist, umso mehr wird erwarten das man beim nächsten Projekt noch besser ist.
    Ansonsten heiß es, bei xy ist langsam die Luft raus.
    – wichtigster Grundsatz, einen sinnfreien Job, oder echt kranken Job als solches zu erkennen und das Weite suchen, eine leben ist im Grunde zu kurz für dumme Jobs.

  5. Kommt mir sehr bekannt vor. Vergangenheit eigene Anschauung. Heute berichten mir Menschen, die so etwas nicht mehr wollen, darüber. Hoffe, dass ein Großteil Deiner Beschreibung tatsächlich Ironie ist (für Dich), die Dir das auszuhalten hilft.

      1. liebend gerne werde ich das tuen! Gefällt mir ausnehmend gut, was ich hier sehe. Direkt mal in meine Blog Rockn Roll Liste aufgenommen. Wünsche Dir einen zauberhaften Start ins Wochenende!

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