Kurz vor sieben

Manchmal wünsche ich mir es wäre noch einmal kurz vor sieben und es gibt Abendessen in unserer alten Küche an dem alten rustikalen Holztisch mit der gemütlichen Sitzecke. Mama hat Hagebuttentee gekocht, schneidet Brot und hat die Wurst und den Käse dekorativ auf einer Holzplatte zusammengestellt. In der Küche ist der Ofen angeheizt und meine Katze liegt neben mir auf der Sitzbank, zusammengerollt zu einem schwarzweißen Knäul. Papa kommt gerade nach Hause, legt seine Tasche im Flur ab und gibt uns Mädels einen Kuss zur Begrüßung. Seine Sachen riechen nach Werkstatt. Ich mag den Geruch.

Mein Bruder kommt herein. „Wo warst Du denn?“ fragt meine Mutter „Zieh doch bitte die dreckigen Schuhe erstmal aus! Und wo ist Deine Jacke geblieben?“ Er gesteht sie in der Schule liegen gelassen zu haben und meine Mutter kommentiert dies lediglich mit einem Augenrollen. Der alte Kassettenrekorder läuft. Musik aus dieser Zeit. Die 80er. Cyndi Lauper, die Bee Gees, die Bangels und Peter Schilling. Die Klänge des Westens. Der Ruf der Freiheit, zumindest für meine Eltern.

Ich sitze neben unserem Kater auf der Küchenbank, mit blonden Zöpfen rechts und links und in meinem gelben Bummi Pullover. Ja, es gab keine Bananen bei uns am Abendbrottisch, keine Kiwis, keine Ananas. Dafür Äpfel und Birnen aus dem eigenen Garten. Der Blick aus der Küche lässt diesen noch ein wenig erahnen, aber die Dämmerung hat schon eingesetzt.

Ein Leberwurstbrot und dazu heißer Tee. Obendrein Herzlichkeit, Liebe und Zuneigung und dem Gefühl dass die Welt hier in Ordnung ist und das größte Problem was wir haben, der kaputte Herd ist. So viele Jahre hat diese Idylle bestanden, jeden Abend Leberwurstbrot und Tee, dazu Herzlichkeit, Liebe und Zuneigung. Bis zu dem Jahr, in dem sich alles änderte. Die Mama schwer krank, der Vater in der Midlifecrisis, der Bruder weg zum Studieren und ich draußen in der Welt. Ein Anruf der das Fundament erschüttert. Mutter und Vater wollen sich kein Leberwurstbrot mehr teilen und die lieb gewonnenen Zugaben fallen wie von selbst weg.

Manchmal wünsche ich mir wirklich sehr, es wäre noch einmal kurz vor sieben und ich könnte genau dort auf der alten Küchenbank sitzen, neben meinem schlafenden Kater, ein Leberwurstbrot  in der Hand, zusammen mit Mama, Papa und meinem Bruder.

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10 Kommentare

  1. Oh juliena…ich weiß grad nich ob lachen soll, weil mir das so bekannt vorkommt, auch wenn wir in der Platte keinen eigenen Garten hatten und auch nur einen Dsungarischen Zwerghamster mit dem es sich schwer kuscheln lies und der ab und zu über den Abendbrot Tisch laufen durfte…. oder ob ich weinen soll, weil die Dinge manchmal anders laufen als wie es das Herz wünscht.

  2. Toller Text! Macht Spaß deine Texte zu lesen.
    Ist schon irgendwie komisch wenn sich die Eltern trennen… egal wie alt man ist. Zumindest liefs anscheinend recht lange ganz gut… war bei meinen ähnlich.
    LG Peter

      1. Ja, manchmal habe ich so Momente, in denen kommen die Erinnerungen hoch und da würde ich gerne nochmal diese Situation erleben. Auch wenn ich weiß, es wird nie wieder so sein. Zur Weihnachtszeit ganz besonders, die hatte als Kind immer einen ganz besonderen Zauber.

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