Stromboli

Zurück in den Alltag

Ich war eine Woche krankgeschrieben, in der ich alle Staffeln THIS IS US schaute und mich ein wenig meinem Selbstmitleid hingab. Körperlich ging es mir recht schnell besser, aber seelisch? Ich wusste nicht mit wem ich sprechen sollte. Ich erzählte es zwei Freundinnen, aber so richtig konnten sie glaube ich nichts damit etwas anfangen. Wie auch. Man kann es einfach nicht nachvollziehen, wenn es einem nicht selbst passiert. Meiner Familie erzählte ich erst einmal nichts. Ich wollte nicht dass sich jemand Sorgen macht, aber ich wollte auch nicht, dass alle wissen, dass wir jetzt in der aktiven Kinderwunschphase sind, obwohl sich das eh jeder denken konnte. Und G. war süß, aber auch schnell wieder im Alltag und da kam ich dann irgendwann auch wieder an.

Ablenkung

Wart Ihr schon einmal auf einem Vulkan? Auf einem aktiven Vulkan? Ich bis dato nämlich noch nicht. Vielleicht kam der Wunsch daher, dass mich die rot glühende Lava ein bisschen an meine Periode erinnerte, auf die ich immer noch wartete. Es dauerte nämlich ein wenig bis sich mein Zyklus nach der Ausschabung wieder normalisiert hatte. Irgendwie setzte ich mir also in den Kopf endlich mal einen Vulkan zu besteigen und heiße Lava aus nächster Nähe zu betrachten.

Vom Vesuv oder Ätna haben alle schon einmal gehört, aber auch vom Stromboli? Dieser Vulkan auf der gleichnamigen Insel sollte das Ziel meiner Ablenkung werden. Stromboli ist eine der sieben Liparischen Inseln, die direkt vor Sizilien im Mittelmeer liegen. Früher lebten die Inselbewohner ausschließlich von der Fischerei und dem Anbau von Weintrauben, Oliven, Kapern und Mandeln, heute vom Tourismus. Es ist nicht leicht, auf einer der äolischen Inseln zu leben: es gibt wenige natürliche Trinkwasserquellen und auch fast alles andere muss per Schiff vom Festland herangeschafft werden. Bei Stürmen im Winter sind Stromboli und die anderen Inseln der Gruppe manchmal tagelang von jeder Festlandverbindung abgeschlossen.

Der Vulkan steht unter ständiger Überwachung. In den Zeiten stärkerer Aktivität oder bei größeren Ausbrüchen ist er für Touristen gesperrt, bei „normaler“ Aktivität kann man ihn jedoch zu Fuß in etwa 3 Stunden ersteigen (in geführten Gruppen) und kann vom höchsten Beobachtungspunkt aus, der etwa 150 Meter oberhalb der Krater liegt, ein unvergleichlich spektakuläres Schauspiel erleben. Der Aufstieg ist zwar anstrengend, man braucht dazu allerdings keinerlei bergsteigerische Kenntnisse.

Die Vorbereitungen auf die Reise, meine Arbeit, meine Freunde und ein schöner Sommer lenkten mich auf jeden Fall gut ab und ich begann wieder neue Hoffnung für unser Wunschbaby zu schöpfen. Wir verbrachten einen traumhaften Urlaub auf Sizilien und der Aufstieg auf den Stromboli war eines der beeindruckensten Dinge, die ich je in meinem Leben gesehen habe.

Sciara del Fuoco und Osservatorio

Schon lange bevor unser Tragflächenboot auf Stromboli anlegte, konnt ich mich vom Anblick der Insel nicht mehr losreißen. Der Vulkankegel ragt wie ein mit dem Lineal gezogenes Dreieck aus dem Wasser. Obwohl wir in der Nebensaison unterwegs waren, war viel los. Wir fanden ein hübsches B&B im Dorf. Gleich am ersten Tag unternahmen wir eine kleine Wanderung zur „Sciara del Fuoco“, die am Anfang auf der Gipfelroute bergwärts führt und dann auf einer Höhe von 250 Metern bis zur „Feuerrutsche“ führt. Dort wurden wir mit einem Blick auf die regelmäßigen Feuerfontänen belohnt. Bis 400 Meter lässt es sich ohne Führer aufsteigen. Wir entschieden uns aber erst einmal für eine Stärkung in der Pizzeria „Osservatorio“, welche auf halber Strecke liegt und einen Ausblick auf die Eruption erlaubt. Den richtigen Aufstieg hatten wir ja für den nächsten Tag geplant. Habt Ihr schon einmal am Fuße eines Vulkans gesessen, auf die Eruptionen im halbstündigen Rhythmus geschaut und eine leckere Pizza Quattro Stazioni gegessen? Ich denke das Osservatorio auf Stromboli ist wirklich einzigartig. Denn genau das gibt es nur da.

Vulkanaufstieg und Urgewalten

Unsere zweite Annäherung an den „Leuchtturm des Mittelmeeres“ war anstrengender und schweißtreibender, dafür erlebt man die Ausbrüche dann aber auch hautnah mit. Bis zum Krater kommt man nur mit einem erfahren Führer. Es gibt mehrere Anbieter auf der Insel. Die unterschiedlichen Gruppen erkennt man an den bunten Helmfarben, die die Touristen zum Schutz tragen. Zuerst gingen wir über gepflasterte Serpentinenwege hinauf, dann wird der Pfad durch die lose Vulkanasche immer steiler. Nach gut der Hälfte des Aufstieges näherten wir uns zum ersten Mal dem Rand der Sciara del Fuoco und bekamen einen ersten Vorgeschmack auf die Urgewalten, die hier am Werk sind. Apropos Urgewalten. Ich musste mittlerweile dringend aufs Klo. Irgendwann kommt man aber bei jedem Vulkan an dem Punkt, wo keine Büsche und Bäume mehr wachsen.

Ich schaute mich um. Auf den einsam aus dem Meer ragenden Felsen Strombolicchio mit seinem Leuchtturm, auf die fernen Äolen im Abenddunst und auf irgendeinen Aschehaufen hinter dem ich ein paar Minuten ungesehen mein Geschäft verrichten hätte können.  Die vegetationslose Mondlandschaft und der dampfende Vulkanschlot waren auf einmal Nebensache und mein größter Wunsch war es mich (ungesehen) zu erleichtern. Ganz oben angekommen nutzte ich schließlich die Unaufmerksamkeit der anderen Gruppen (es war richtig viel los, weil inzwischen nicht nur unsere Blauhelme den Gipfel erreicht hatten) und platzierte meinen nackten Arsch direkt neben einem Grasbüschel, der so klein wie Muttis Küchenbubikopf war. Ich hatte kurz Angst dass der Vulkan erlöschen könnte, denn ich wurde und wurde nicht fertig. Ich weiß auch nicht wie viele Blau-, Gelb- oder Rothelme meinen weißen Popo im Dunkeln leuchten sehen haben, aber irgendwann fühlte ich eine unendliche Erleichterung und nahm auch wieder diese einzigartige Landschaft um mich herum war. Ich hörte das Donnern der Eruptionen und atmete den Schwefelgeruch ein. Auf einmal spürte ich welche Kräfte der Natur zur Verfügung stehen und war von dieser Schönheit echt angetan. Obwohl es sehr kühl und windig oben war und ich durch den Schwefelgeruch viel husten musste, war es doch einzigartig was ich dort sah, so dass ich dort ewig hätte stehen oder auch hocken können. Meine Gebärmutter fand dies anscheinend auch und nach langem Warten setzte nun auch wieder meine Periode ein. Völlig unerwartet. Auf einem Vulkan. Und trotzdem fühlte ich eine Erleichterung darüber, welche einen Neuanfang für uns beide beim Thema Kinderwunsch bedeuten würde.

4 Kommentare

  1. Wunderschön beschrieben. Ich mag Vulkane eigentlich nicht, aber du hast mich neugierig gemacht. Das mit der Periode finde ich höchst interessant.

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