Die richtigen Worte

Der Urlaub war vorüber, der Alltag hatte mich wieder und auch meine Periode war zurückgekehrt. Rückschläge kannte ich schon, das war nicht mein erster. Deswegen schöpften wir mit der Zeit auch wieder Hoffnung und genossen die Sommermonate. Grillen an der Isar, draußen schlafen, wandern in den Bergen – es gab genügend Ablenkung von unserem heimlichen Wunsch, aber trotzdem dachte ich ständig darüber nach und war jedes Mal aufs Neue enttäuscht, wenn der rote Drache monatlich wieder Einzug hielt.

Wie lange kann man seinen Kinderwunsch eigentlich geheim halten?

Mittlerweile wusste auch die ein oder andere Freundin von unserem Kinderwunsch. Es ist nämlich gar nicht so einfach wie es klingt das geheim zu halten. Ist man im richtigen Alter (also allerspätestens ab 30), schon länger als ein oder zwei Jahre zusammen, scheint es etwas ganz normales zu sein, Frauen nach Ihrem Kinderwunsch zu fragen. Die Kinderfrage wird gestellt, sobald man mit dem Überschreiten der 30 die inoffizielle Mutterschaftsgrenze überschritten hat. Spätestens ab diesem Alter muss man eigentlich sein Leben so weit im Griff haben, dass da auch Kinder rein passen. Dabei gibt es doch durchaus Frauen, die keine Kinder wollen, und andere wollen, können aber nicht. Sobald eine Frau zwischen 30 und 45 die Frage nach Kindern mit „Nein“ beantwortet, wird zurückgefragt: „Und warum nicht?“

Jeder hat einen Tipp parat

Noch schlimmer ist es aber, wenn man sich dann öffnet und ehrlich sagt, dass es nicht so richtig klappt. Dann wird man von Mamas, bei denen es einfach so und ohne Probleme geklappt hat, auf einmal mit Tipps überhäuft, was man doch alles machen könnte. Dass die Freundin XY es ja auch lange probiert hätte und dann in den Urlaub gefahren ist, wo sie endlich entspannen konnte… oder dass es ja auch diesen Klapperstorchtee gibt. Das Problem was noch nicht mal Ärzte lösen können, wollen sie nebenbei bei einer Tasse Kaffee endlich erschließen.

Diese MEGA neuen Tipps oder die Geschichte von irgendwem helfen aber leider gar nichts. Denn wenn es nicht so spontan klappt, kann das eine Millionen Gründe haben und nicht nur daran liegen, dass man „gestresst“ ist. Ich habe ja bereits eine ganze Menge versucht. Hormonstatus überprüfen lassen, Ovulationstests in Großpackungen gekauft, unzählige Ratgeber gelesen, auf Alkohol (und Spaß) verzichtet, meine Ernährung umgestellt, nach Uhrzeit gepimpert – alles, was Frau eben so tut, wenn sie die optimalen Bedingungen für den Nachwuchs schaffen will. Nur die Fruchtbarkeitsrituale aus dem Amazonas fehlten noch. Und ich kann Euch beruhigen: Die habe ich bis zum heutigen Tage nicht ausprobiert.

Was sagen bei unerfülltem Kinderwunsch?

Bis zu einem gewissen Grad habe ich ja auch Verständnis für die fehlende Empathie und die fehlenden Worte Anderer. Denn natürlich können manche Menschen mit dem Thema einfach nicht umgehen. Ähnlich ist es ja, wenn man einen Freund besucht, der schwer erkrankt ist – auch da weiß man häufig nicht, was man „Richtiges“ sagen soll. Würde mir wahrscheinlich genauso gehen. Aber es reicht oft, wenn man gesagt bekommt: „Das ist wirklich traurig“ und in seiner Trauer ernstgenommen wird. Ein Freund sollte einfach nur da sein, ohne zwangsläufig einen Rat oder einen Lösungsvorschlag zu präsentieren. Es gibt im Alltag einfach immer wieder Momente, Worte oder Fragen, die wehtun, ganz tief im Herzen, die man ungerecht findet und über die man sich ärgert. Dann ist es schön, wenn jemand einfach nur liebevoll Deine Hand nimmt, Dich fest umarmt und nichts weiter sagt, was die Situation noch schlimmer macht.

Was macht die Situation schlimmer?

  1. Sätze wie: „Jetzt entspann Dich mal. Das wird schon noch.“ oder „Ich kenne da eine Freundin XY. Die haben es 5 Jahre probiert und als sie aufgehört haben zu üben, ist sie plötzlich schwanger geworden.“
  2. Lösungsvorschläge: „Habt Ihr mal über eine künstliche Befruchtung nachgedacht?“ Ja, haben wir. Aber wir haben grundsätzlich kein Problem schwanger zu werden. Denn das ist ein ANDERES Problem, auch wenn das Ergebnis (KEIN BABY!) das Gleiche ist. Anderes Problem, andere Lösung. Ich habe aber keine Lust das Leuten zu erklären.
  3. Intime Fragen: „Habt Ihr mal das Spermium von G. überprüfen lassen?“ Ja. Und es ist wunderbar, gesund und frisch. Wie von einem 25 Jährigen. Und wie ist das Spermium Deines Mannes so?
  4. Witze: „Ich kann ja Euer Baby für Euch austragen.“ Oder „Zur Not sucht Ihr Euch einfach ne Leihmutter in der Ukraine.“
  5. Vergleiche, die mein Problem abschwächen und keines Falls vergleichbar sind. „Ich hab auch 5 Monate gebraucht, bis ich schwanger wurde, aber dann kam es ganz überraschend.“ „Ich hatte auch eine Fehlgeburt, bevor ich mit unserem dritten Kind Jacqueline-Pascale schwanger wurde.“
  6. Gar nichts sagen oder das „Problem“ nicht ernst nehmen und zum Beispiel vergessen, dass ich gerade ein Kind verloren habe. Ich hab mal einer Freundin von meiner Fehlgeburt erzählt und sie war anscheinend so überfordert, dass sie darauf gar nichts gesagt hat. Eine andere hat anscheinend immer wieder vergessen, wie groß mein Kinderwunsch ist und wie weh so eine Fehlgeburt tun kann und hat dann Dinge gesagt, die auf Frauen mit Kinderwunsch sehr verletzend wirken können, während man das ohne Kinderwunsch wahrscheinlich gar nicht merken würde. 

Außerdem finde ich es wichtig, dass ich sagen kann was ich fühle und nicht auf jedes „Wie geht’s?“ mit einem belanglosen „gut“ antworten muss. Deshalb möchte ich auch sagen können, dass es mir manchmal nicht so gut geht mit meinem Kinderwunsch ohne mich rechtfertigen zu müssen. Ich habe eine Freundin, die ich, seitdem sie Mutter ist, kaum noch treffe, weil sie es nicht schafft ohne Kinder zu einem Treffen zu kommen. Ich würde Ihr gern von meinem Leben erzählen, aber kann nicht über Kinderwunsch und Fehlgeburten sprechen, wenn sie ein kleines blond gelocktes Mädchen dabei auf dem Schoß hat. Andererseits kann ich das Thema auch nicht komplett ausschweigen, weil es mittlerweile eben doch viel Platz in meinem Leben einnimmt. Nein, ich treffe meine Mama-Freundinnen auch weiterhin und auch mit ihren Zwergen, aber manchmal hätte ich dann doch gern auch mal wieder ein Gespräch nur unter Erwachsenen, auch wenn sie nicht immer die richtigen Worte finden.

12 Kommentare

  1. Liebe Jiuliena, ich finde es gut, dass Du Deine Empfindungen so offen beschreibst und vor allem die Dinge klar aussprichst. Ich muss gestehen, ich ertappe mich auch hin und wieder dabei, „Ratschläge geben zu wollen“, wenn mir jemand von seinem Kummer, seinen Sorgen erzählt. Zwar mache ich das meist, weil ich irgendetwas tun möchte, das Hoffnung gibt, damit der andere sich besser fühlt – aber grad wenn ich lese, wie Du Dich dabei gefühlt hast, dann weiß ich, dass die Intention völlig egal ist, weil es am Ende trotzdem nur weh tut.
    Diese Erkenntnis nehme ich echt für mich persönlich mit.

    1. Liebe Helma, das was ich hier schreibe sind ja alles meine eigenen Empfindungen. Deswegen weiß ich nicht, ob andere vielleicht andere Erfahrungen machen oder sich einen anderen Umgang damit wünschen. Ich suche sehr gern bei meinen Freunden um Rat, wenn es um andere Themen geht. Nur beim Thema Kinderwunsch bin ich ein bisschen sensibler geworden. Der Text hat aber natürlich keine Allgemeingültigkeit, aber regt zum Nachdenken an und das freut mich. 🙂

  2. Ich danke wieder einmal für deine Hinweise, warum welche Verhaltensweisen / Sprüche dich verletzt haben. Ich bin ein sehr vorsichtiger Mensch und kenne leider auch die Situation, dass ich manchmal nicht weiß, was ich sagen soll. Ich spreche das dann durchaus sehr offen so an und versuche durch eine Umarmung zu zeigen, dass ich da bin, selbst wenn ich nicht die richtigen Worte finde. Mir hilft es, wenn ich so einen intimen Einblick bekomme. Liebe Grüße!

    1. Das finde ich ehrlich gesagt genau richtig. Wenn man nicht weiß wie man damit umgehen soll, genau das sagen und den anderen fest umarmen. Darüber freue ich mich mehr als über jeden gut gemeinten Ratschlag!

  3. Manchmal muss man nur die Schnauze halten.
    Wenn du durch das Schreiben etwas Entlasung bekommst, ist schon viel erreicht.
    Tipps brauchst du sicher nicht, auch nicht von den „Community-Experten“.

    Ich wünsch Dir erstmal ein geiles Wochenende. Basta.

    1. Danke für Deinen Beitrag. Du hast das fast noch schöner beschrieben als ich. Irgendwie denken viele nicht nach was solche Sprüche bei der kinderlosen Frau anrichten.

  4. Liebe Jiuliena, der Römer und ich waren in einer ähnlichen Situation. Wir fingen an und für mich war es doch ganz klar, dass ich innerhalb von 1-2 Zyklen schwanger werden würde. Das lernt man doch in der Schule: “Achtung Mädels! Rausziehen reicht nicht. Ihr werdet SOFORT schwanger.” Turns out: Die Schule hatte gelogen. Nach diversen Zyklen (wenn ich noch einmal das Wort hibbeln in einem Forum lesen muss, dann 🤢 ich) tauchte endlich die langersehnte zweite Linie auf: Ich war schwanger. Und arbeitend in Amsterdam. Sollte ich noch zurückfliegen? Mich gleich krankmelden? – Ich beriet mich mit meiner Mutter. Sie gab mir den Tipp, dass ich weiter arbeiten sollte – 3 weitere Tage – fliegend durch Europa mit etlichen Flügen. Das tat ich – und testete daheim wieder – um ganz sicher zu sein. Die Linie war noch da, aber irgendwie schwächer. Ich wartete ab – und meine Blutung setzte nach einer Woche ein. Wieder nicht schwanger. Wir gaben uns Zeit… also der Römer gab uns Zeit. Ich klickte mich durch alle Foren, die ich finden konnte. Lernte jeden Quatsch über Zyklen und machte 3 Tage vor meiner Periode jedesmal vorsorglich einen Test. Das ging so viele, viele, viele, viele Monate. Und es passierte nichts.
    Zwischenzeitlich kam jedesmal von Kollegen (diese wechselten wöchentlich – bei jedem Flug) nach der Frage, wie mein Familienstand aussah, die tolle Schlussfolgerung: Und? Wollt ihr Kinder?

    Ja verdammt! Aber ich will in den wenigen Momenten, wo ich mich nicht deswegen fertig mache, nicht darauf angesprochen werden.
    Egal was ich geantwortet habe, die Reaktion war immer scheisse: Tipps vom chin. Mondkalender bis zu Sexstellungen oder aber “Bleib dran! (ja – anders werd ich definitiv nicht schwanger) Das klappt sicher bald.” machten mich vollends fertig. Wenn ich auf die Kinderfrage nein antwortete, weil ich meine Ruhe wollte, kam: “Aaach?! Und was sagt dein Mann dazu?!” oder “Irgendwann kommt bei euch sicher der Wunsch! Die Evolution lässt sich nicht aufhalten.”
    Ja, Doris. Deine Antwort macht gerade alles besser. Danke für nichts.

    Na ja, irgendwann klappte es – und ab da hatte ich Panik es zu verlieren. Ich zitterte Woche für Woche, wurde nervös, wenn ich keine Kindsbewegungen spürte und machte bei fast jeder Untersuchung auch gleich noch einen Ultraschall mit… heraus kam ein sehr Meinungsstarkes Schreibaby (aber das ist eine andere Geschichte).
    Ich wünsche dir Besonnenheit, knallharte Antworten auf diese unsensiblen Unverschämtheiten und das alles so wird, wie ihr es euch als Paar vorstellt. Fühl dich gedrückt & pass auf dich auf 💛

    1. Ciao bella, lieben Dank für Deinen Kommentar. Du weißt das sicher, aber viele der Leser nicht: Du hattest eine biochemische Schwangerschaft. Was viele nicht wissen: 50% der Schwangerschaften sind biochemisch. Viele bekommen sie nicht mit, weil sie nicht gleich testen. Ich hoffe Du machst Dir wegen der Fliegerei keine Vorwürfe, denn das war mit Sicherheit nicht der Grund für den Verlust. Ich freue mich, dass nach dem ganzen Schmerz und den vielen Ängsten doch noch ein süßes Bambino zur Welt gekommen ist. Auch wenn es manchmal nervt: Denk an die Kinderwunschzeit zurück oder denke an die Frauen, die Fehlgeburten erleiden oder an die Frauen die kinderlos bleiben. Ich sag mir immer lieber ein (oder zwei) Schreibaby(s) als gar kein Baby.
      Drück zurück!

      PS Ich bin übrigens ein großer Fan Deiner Geschichten und lese immer mit und kann jedem der hier mitliest Deinen tollen Blog nur empfehlen. Du schreibst ganz nach meinem Geschmack!

      1. Ciao Jiuliena, genau – das hatte ich vergessen dazuzuschreiben: Eine biochemische Schwangerschaft war es. Am Anfang habe ich mich wegen allem fertig gemacht: Waren’s die Flüge? War es dieses eine Mal, in dem ich einen zu schweren Koffer hochgehoben habe?
        Irgendwann verstand ich, dass es nicht in meiner Hand lag. Allein, dass diese Gedankenspirale weg war, war eine grosse Erleichterung für mich.

        Du hast absolut recht. Ich bin dankbar und froh, dass ich ein gesundes Kind habe. Der Weg war lang und nervenaufreibend – aber ich bereue keine Sekunde davon und würde ihn genauso wieder gehen.

        (Bei deinem PS wurde ich gleich etwas rot. Vielen Dank! Ich bin auch sehr froh, dass du wieder schreibst. 3,5 Jahre waren dann doch lang 😉)

  5. Etwas OT – mir fällt dazu ein Rhetoriker ein, der (so glaube ich) 10 oder 12 Störer der Kommunikation nennt.
    Alles, was du aufgezählt hast, ist auch dabei …
    Ich glaube, bei sehr sensiblen und feinfühligen Themen ist es für beide Seiten schwer — etwas zu sagen, was der andere annehmen kann und etwas zu empfangen, was ein anderer liebevoll meint, sich aber vielleicht gar nicht so anfühlt.

    Ich habs grad gegoogelt— falls es dich oder jemanden interessiert 💖

    https://www.erwachte-kommunikation.de/gfk-12-kommunikationssperren-thomas-gordon.html

    1. Danke für den Link. Ich finde da deckt sich echt viel. Was mir der Text aber auch bewusst macht: Es ist sooo schwer für andere das Richtige zu sagen. Das tut mir leid für die Anderen und für mich, weil ich mit dem Thema einfach nicht locker umgehen kann.

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