Gefühlscocktail

Warten

Ich hatte schon im letzten Artikel kurz über die verbundene Warterei mit einem Kinderwunsch erzählt. Warten auf den Eisprung, Warten darauf testen zu können, Warten auf den zweiten Strich, Warten während der ersten Wochen einer Schwangerschaft auf den Herzschlag, warten auf den nächsten Ultraschalltermin oder im negativen Fall, Warten darauf, dass die Periode kommt und dass man wieder loslegen kann. Und dann beginnt das Warten von Neuen. Ich muss geduldig sein und jedes Mal wieder aufstehen, wenn es nicht geklappt hat. Das zerrt an der Nerven. Das kostet Kraft.

Traurigkeit

Das Warten ist eng verbunden mit einer Trauer, einer Trauer, die ich verspüre, wenn meine Periode anstatt einer Schwangerschaft eingetreten ist. Vielleicht fragt sich der ein oder andere hier wie man um etwas trauern kann, was nie existierte? Für mich ist es die Trauer um eine Möglichkeit. Die Hoffnung und den tiefen Wunsch auf ein kleines großes Wunder. Die Möglichkeit ganz bald Mutter zu werden, die ich erst einmal wieder begraben muss, weil es wieder nicht geklappt hat.

Hoffnung

Und dann? Neuer Zyklus, neues Glück. „Nach vorne schauen und nicht zurück.“ „Wo sich eine Tür schließt, öffnet sich die nächste.“ Und so weiter und so fort. Und ja! Dieses Gefühl der neuen Hoffnung stellt sich tatsächlich wieder nach ein paar Tagen im neuen Zyklus ein. Ich hoffe dass es dieses Mal endlich geklappt hat. Dass ich zwei Striche auf dem Schwangerschaftstest bewundern darf und dass das kleine MINI-US unterwegs ist und dieses Mal bei uns bleibt.

Angst

Aber mit dem Gefühl der neuen Hoffnung wächst auch meine Angst. Die Angst davor bald wieder trauern zu müssen. Spätestens dann wenn die nächste Periode eintrifft oder im noch schlimmeren Fall, wenn eine Schwangerschaft wieder frühzeitig endet. Manchmal empfinde ich auch Angst im Bezug auf mein Alter was immer weiter voran schreitet. Ich habe Angst bald nicht mehr in der Lage sein zu können schwanger zu werden und den Wunsch für immer an den Nagel hängen zu müssen. Dann verfalle ich in einen tiefen Abwärtsstrudel aus dem ich mich immer schwerer wieder herausziehen kann.

Neid / Wehmut

Am schlimmsten aber von allen Gefühlen ist mein Neid. Neid ist keine schöne Tugend. Also möchte ich eigentlich nicht neidisch sein. Und trotzdem bin ich neidisch, dass es manche Frauen so einfach haben und alles direkt gut geht, während unser Weg so steinig ist. Ich habe mir so gewünscht meine Eltern auch irgendwann mit der frohen Botschaft, dass sie Großeltern werden, zu überraschen. Ich würde meinen dicken Bauch auch gern zur Schau tragen. Nein, natürlich missgönne ich niemanden deren Schwangerschaft. So verbittert bin ich nun auch wieder nicht. Vielleicht ist es  auch einfach nur Wehmut. Wehmut und Traurigkeit darüber, dass es bei mir nicht so ist, wie bei anderen.

Manchmal kann ich herrlich abschalten und fühle keins der oben genannten Dinge. Wenn ich mit einem (richtigen) Cocktail in einer Beachbar am Meer sitze zum Beispiel. Und manchmal sind einfach alle Gefühle gleichzeitig da und ich weiß nicht wohin mit ihnen. So wie heute.  

13 Kommentare

  1. Du beschreibst es wunderbar. Ich habe übrigens auch lange gedacht, ich sei neidisch auf die anderen. Aber wie du sagst, ich missgönne es niemandem. Ich hätte es nur auch gerne (gehabt muss ich wohl sagen, denn ich bin 43). Neulich war ich auf einem Friedhof spazieren, auf dem es eine Stelle für die Sternenkinder gibt. Und ich fühlte mich angesprochen und am richtigen Ort. Aber ich war nie schwanger, also habe ich doch kein Kind verloren? Doch, habe ich. Die Nichterfüllung des Kinderwunsches ist ein Verlust.

    1. Es schwankt. Die letzten Tage ist es aus irgendeinem Grund schlimmer, aber es nützt ja nichts. Ich fühle mich jedenfalls nicht mehr wertloser als andere 😁 Oft merke ich aber auch, dass es mir echt auf die Nerven geht, wenn Leute kein anderes Thema als ihre Kinder haben 😊

      1. Kann ich gut verstehen. Ich empfinde das Nicht Vorhandensein einer Familie in der dunklen, kalten Jahreszeit leider auch als schlimmer als sonst. Wenn andere von ihren Kindern erzählen empfinde ich es oft als Prahlerei und weiß nicht was ich sagen soll.

      2. Gestern meinte ein Kumpel, sein Leben wäre vor den Kindern so viel stressfreier gewesen und ich sollte das doch genießen. Ich weiß, dass er es gut meint, aber da könnte ich echt reinschlagen.

      3. Ja, ich weiß. Sowas habe ich auch schon oft gehört. Kenne auch sehr viele die sich immer nur beschweren und oftmals vergessen was für ein Glück sie haben.

  2. Ich kann dich so gut verstehen. der Artikel hätte auch in der Zeit zwischen 2015 und 2017 von mir stammen können!
    Irgendwann gab es bei mir einen ausgesprochenen Tiefpunkt. Aber auch ohne schwanger zu sein, war es irgendwann etwas besser. Alles verändert sich immer.
    Jetzt haben wir uns zweijähriges Wunder bei uns und ich bin mir sicher, dass nur Frauen mit Vorgeschichte jeden Tag aufs Neue so dankbar sein können, wie ich es bin

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s