Corona?

Freitag der 13.

Irgendwann waren die letzten fünf langen Tage voller Warten, Hoffnung, Zweifel, Ängsten und Träumen endlich um. Es war Freitag der 13. im März 2020 als ich wieder zur Kinderwunschklinik fuhr. Ich sagte mir immer wieder dass dieser verregnete Freitag der beste in meinem Leben würde, denn die Ärztin würde mir auf jeden Fall sagen, dass es dem Mini gut geht und das Herzchen fleißig schlägt. Und dann würde ich einen Tag später mit einer Freundin in den Yoga Urlaub starten und würde einfach nur eine Woche dauergrinsen.

Trotzdem saß ich kurz darauf wieder einmal sehr angespannt im Wartezimmer. Endlich rief mich Frau Dr. Pille ins Behandlungszimmer und fragte wie es mir ginge. Ich erzählte ihr wie angespannt ich war, weil ich meinte dass der heutige Tag entscheidend wäre. Würde man den Herzschlag sehen? Sie beruhigte mich ein wenig und bat mich auf der Liege Platz zu nehmen um den Ultraschall machen zu können. Mein Herz schlug bis zum Hals. Mir war heiß und gleichzeitig fror ich. Ich saß da. Nackt und betete im Kopf dass dieses Mini-Us gesund war und wir in 2020 Eltern würden. Ich dachte kurz an den schrecklichen Moment zurück, als mir die Ärztin das letzte Mal mitteilte, dass diese Schwangerschaft nicht mehr intakt wäre. Ich dachte an meine erste Fehlgeburt. An die OP. Ich dachte an die vielen Babys im Freundeskreis. Ich dachte an meinen Job. An G. Wie G. ein Kind im Arm halten würde und wie gut ihm das Vater sein stehen würde. Ich dachte an meine Eltern. An andere Frauen die heute in genau der gleichen Situation wie ich waren. Frauen die sich Kinder wünschten. Frauen die sich keine Kinder wünschten. Frauen die nicht wussten ob sie sich Kinder wünschen.
Und Plötzlich…

Es tut mir leid…

Es tut mir leid. Ich sehe keinen Herzschlag und der Embryo scheint sich auch nicht weiterentwickelt zu haben.“ Die Worte rissen mich aus meinen Gedanken und trotzdem brauchte ich einige Zeit bis sie bei mir ankamen und ich sie verstanden hatte. Passierte das gerade wirklich? Wurde mir hier zum vierten Mal gesagt, dass sich unser Mini nicht weiterentwickelt hatte? Wurden gerade schon wieder unsere Hoffnungen und Träume zerstört?

Ich konnte es nicht glauben. Dieses Mal hatte ich mit Medikamenten wie Progesteron nachgeholfen. Ich hatte mir jeden Tag eine Spritze Clexane in den Bauch gesetzt um mein Blut zu verdünnen. Konnten wir wirklich so viel Pech haben? Oder gibt es etwa doch einen Grund für all das Unglück? Ich lag wie gelähmt auf der Liege und hoffte, dass Frau Dr. Pille mir doch noch etwas anderes sagen würde. Tat sie aber nicht. Stattdessen fragte sie mich direkt ob wir einen OP Termin vereinbaren würden oder ob ich auf einen natürlichen Abgang warten wollte. Ich wollte gern letzteres. Ich nahm sogar in Kauf, dass dies während meines Yoga Urlaubs passieren würde. Ich fragte noch ob ich das Risiko eingehen könne und sie hielt es für ungefährlich.

Portugal, Corona und eine drohende Fehlgeburt

Am nächsten Tag saß ich mit einem toten Embryo im Bauch im Flieger. Draußen überschlugen sich die Corona Nachrichten. Die ersten sprachen von einem „Lock Down“ und einige begannen mit den Klopapierhamsterkäufen. Die Sonne schien, als wäre nichts gewesen und meine Freundin, der ich noch auf dem Weg zum Flughafen von allem erzählt hatte, weil ich es als wichtig empfand, dass sie davon wusste, bevor sie mit mir wegflog, plapperte munter und voller Vorfreude auf ein paar sonnige Tage, darauf los. Sie wollte mich sicher ablenken, aber ich saß da und die Gedanken überschlugen sich: Corona, Fehlgeburt, Portugal, Angst, Lockdown, allein und ohne G. Wo war meine Urlaubsvorfreude hin? Was wenn der Abgang schwerer als gedacht werden würde und ich in Portugal ins Krankenhaus müsste? Was wenn wirklich ein Lockdown stattfinden würde und ich nicht mehr zurück nach Deutschland kommen würde? Wie lange dauert es bis der Körper merkt, dass mit der Schwangerschaft etwas nicht in Ordnung ist? Mein Mut von gestern die nächsten Tage einfach trotzdem zu genießen wurde von Angst und Sorgen überrollt. Wir mussten in Lissabon zwischenlanden bevor wir unser Endziel erreichten und die Nachrichten überschlugen sich. Unser Anschlussflug hatte Verspätung und man sagte uns, wenn wir nach 0Uhr am Ziel ankommen würden, müssten wir direkt für 2 Wochen in Quarantäne am Urlaubsort. Unsere Ankunftszeit war für 22Uhr geplant, aber mit der Verspätung des Fluges wurde es knapp. Wir mussten gefühlt alle 5 Minuten neu entscheiden. Letzten Endes stiegen wir in den Flieger und schafften es rechtzeitig vor Mitternacht. Am Zielort hörte der Spuk aber nicht auf. Die Hotelmitarbeiter waren ebenfalls besorgt und hatten natürlich Angst wir könnten das Virus mit auf die Insel bringen. Gegen 2Uhr lagen wir endlich im Bett, aber ich konnte nicht schlafen. In meinem Kopf drehte sich alles.

Mit nur einem paar Stunden Schlaf begannen wir am nächsten Tag noch vor dem Frühstück mit der ersten Yogastunde. Es tat gut und brachte mich etwas runter. Draußen überschlugen sich die Corona News. Wir überlegten unseren Rückflug umzubuchen, aber alle Leitungen waren überlastet, Flüge ausgebucht oder sie kosteten das 10fache vom regulären Preis. Auf der Insel waren wir irgendwie sicherer, als in Deutschland oder auf Reisen und bisher wurde noch kein Fall auf der Insel gemeldet. Also beschlossen wir da zu bleiben, auch wenn ich mit der drohenden Fehlgeburt und der Angst nicht rechtzeitig wieder nach Hause zu kommen, allein da stand. Wir thematisierten die Fehlgeburt nicht wirklich. Ich hatte sogar das Gefühl dass meine Freundin vergaß wie schlimm es für mich war. Vielleicht war das auch besser so, denn so konnte ich, zumindest zeitweise, meine Gedanken auch ein wenig in eine andere Richtung lenken. Wir genossen die Sonne, Wanderausflüge und die Yogastunden unterbrochen von den neusten Coronaentwicklungen und besorgten Anrufen von G. und meinen Freunden. Ich checkte jeden Tag aufs Neue, ob der Flughafen auf der Insel noch offen war. Ich hatte Angst nicht wegzukommen und wollte nicht bei Komplikation mit der Fehlgeburt ins Inselkrankenhaus. Schmerzen hatte ich allerdings keine, auch keine Blutungen. Es war alles wie immer, außer… Ja, außer dieses leichte Halskratzen was sich seit dem Flug entwickelt hatte. Und startet so nicht immer eine Corona Infektion?

5 Kommentare

  1. „Ich dachte an die vielen Babys im Freundeskreis. Ich dachte an meinen Job. An G. Wie G. ein Kind im Arm halten würde und wie gut ihm das Vater sein stehen würde. Ich dachte an meine Eltern. An andere Frauen die heute in genau der gleichen Situation wie ich waren. Frauen die sich Kinder wünschten. Frauen die sich keine Kinder wünschten. Frauen die nicht wussten ob sie sich Kinder wünschen.“ So schön geschrieben! ❤ Es tut mir leid, dass du das alles miterleben musst. Und ich mag gar nicht mehr an diese Zeit zurückdenken. Bei uns war der erste IVF-Versuch gerade erst kurz gescheitert und ich hatte meine Periode wieder, als die Ankündigung des Lockdowns kam. Drei Wochenendreisen ins Wasser gefallen, die mich auch über den negativen Versuch vertrösten sollten…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s