Wartezeit und Ängste

Wo ist denn bitte mein Optimismus aus den letzten Beiträgen hin? Ich bin heute bei 16+4 (d.h. ich bin in der 17. Woche und damit am Anfang des 5. Monats). Das letzte Mal habe ich das Mini bei 14+1 zusammen mit Dr. Ruh gesehen. Das ist über zwei Wochen her und das macht mir Angst. Ich frage mich ob mein Bauch genug wächst und befrage meine Freundin Google und bekomme zur Antwort: „Jede Schwangerschaft ist anders.“ Während manche Frauen in der 17. Schwangerschaftswoche eindeutig als schwanger zu erkennen sind, könnte man bei mir meinen ich hätte mal wieder zu viel Pizza oder Pasta verdrückt. Ist da wirklich ein Baby drin?  Ja, natürlich ist es da. Wir haben es ja groß auf Leinwand beim ETS gesehen, aber das ist noch länger her, als der Termin mit Dr. Ruh. Über drei Wochen schon und ich frage mich ob es inzwischen weiter gewachsen ist. Zugenommen habe ich noch gar nicht.

Meine Medikamente (Granocyte und Utrogest) habe ich bereits seit mehreren Wochen abgesetzt und ich frage mich, ob mein Körper es nun wirklich ganz allein schafft diese Funktionen zu übernehmen. Nur die Blutverdünner (Clexane) muss ich noch jeden Tag spritzen. Mein persönliches Risiko für eine (weitere) Fehlgeburt liegt laut dem Miscarriage Rechner bei unter 1%, aber dass eine Frau einen vorzeitigen Eisprung hat, trotz Blockermedikamenten, ist auch sehr sehr unwahrscheinlich und liegt laut Statistik auch nur bei unter 1%. Deshalb verspüre ich wieder Angst. Nun wissen es auch alle schon: Arbeitskollegen, Freunde, Familie und freuen sich mit mir. Die einen mehr, die anderen weniger. Und ich möchte denen nichts anderes mehr erzählen. Es war schlimm genug das in der Vergangenheit mehrfach zu erleben.

In ein paar Wochen habe ich Geburtstag und möchte unbeschwert feiern. Ich werde vierzig. Es hört sich alt für mich an. Ich möchte meine Liebsten in einem Sommerkleid und mit dickem Bauch begrüßen. Ich möchte meine beste Freundin mit diesem Bauch überraschen, die extra aus meiner Heimat angereist kommt und die ich schon einige Monate nicht mehr gesehen habe. Ich möchte lachen, mich freuen, alkoholfreien Sekt trinken, mit den Kindern meiner Freunde scherzen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Ich möchte das alles unbedingt und so sehr, dass es weh tut. Ich würde es nicht ertragen, wenn es anders laufen sollte. Nicht noch einmal. Und nicht nachdem wir schon so weit gekommen sind. Nicht nachdem wir uns schon über unsere Zukunft mit Kind unterhalten haben, Pläne schmieden und Namenslisten anlegen. Ich möchte endlich diese unglaubliche Liebe fühlen, die ich jetzt schon in mir trage. Ich möchte dieses kleine Wesen in mir kennenlernen und aufwachsen sehen. Noch mehr Leid kann und will ich nicht ertragen. Der nächste Ultraschalltermin ist in zwei Wochen und ich habe schon 93438456345 mal drüber nachgedacht ob ich den Arzt anrufe und frage, ob ich einfach früher vorbeikommen darf um kurz das Mini zu sehen, auch auf eigene Kosten. Bisher war mein Glauben, dass alles gut ist, stärker als die Angst. Zwei Wochen sind auch nur 14 Tage und 336 Stunden. Wie gern würde ich mit dem Mini kommunizieren oder es endlich spüren, wie es andere Frauen bereits in der 17. Woche tun. Es kann aber noch gut drei oder vier weitere Wochen dauern bis es so weit ist.

Selbsthilfe gegen Wartezeit und Ängste

Ich helfe mir also mal wieder selbst, weil es niemanden gibt, der mit mir über diese Ängste spricht oder sie verstehen könnte. Und weil ich G. mit den Ängsten nicht anstecken will und diese daher mit ihm nicht offen teile. Er hat selbst gerade ganz andere Probleme, denn wenn man während Corona in der Event und Veranstaltungsbranche arbeitet und bald der Haupternährer unserer kleinen Familie sein soll, macht man sich natürlich viele viele Sorgen.

Was mache ich also gegen diese Ängste?

Erstens: Ich teile sie hier und mit Euch und schreibe sie auf.

Zweitens: Ich fahre eine der zwei langen Wochen mit einer guten Freundin in den Urlaub und bin dort hoffentlich von Sonne, Meer und gutem Essen abgelenkt.

Drittens: Ich darf heute Abend zur Hebamme, damit sie wieder Ihre Zauber Akupunkturnadeln bei mir setzt, die mich hoffentlich ein wenig beruhigen, aber was noch besser ist: Sie kann nach den Herztönen des Babys hören. Und eigentlich beruhigt mich nur das. Ich hoffe so sehr, dass es weiterhin laut und fleißig klopft und ich mir (mal wieder) umsonst Sorgen gemacht habe.

28 Kommentare

  1. Ich weiß nicht mehr, wer es zu mir sagte, aber ich kann mich ziemlich genau an das Gespräch erinnern: „Die Ängste gehen nicht mehr weg!“, sprach mein Gegenüber. Ich guckte geschockt, war ich doch überzeugt, dass das nur eine temporäre Phase sei. „Nein, nein, die bleiben ein Leben lang und sind nicht nur auf die Schwangerschaft beschränkt. Du wirst sie haben, wenn das Kind da ist (Atmet es? Ist das normal? Warum schreit es? Hat es Schmerzen? Woher kommt das Fieber?). Du wirst sie haben, wenn es größer wird und du wirst sie haben, wenn es erwachsen ist. Versuch einfach damit zu leben.“ Die Angst ist fester Bestandteil der Mutter- oder Elternliebe. Und ich möchte behaupten, ohne eine repräsentative Umfrage erstellt zu haben, dass die absolute Mehrheit der Eltern diese Ängste kennen. Ich persönlich würde mit G. über die Ängste reden, denn ihr seid beide Eltern dieses wundervollen, kleinen Babys. Vielleicht hat er die gleichen Ängste und versucht dich nicht damit zu belasten? Darüber reden ist eine Befreiung, denn alleine macht man sich verrückt mit der Gedankenspirale. Und wer könnte es besser Nachvollziehen als G., der die ganze Zeit an deiner Seite war? Und wenn es dir ein besseres Gefühl gibt, beim Frauenarzt um einen früheren Ultraschall zu bitten, na dann hat jeder Verständnis dafür. Er kennt deine Vorgeschichte und schmeißt den Ultraschall ganz sicher für fünf Minuten an, um das blubbernde Herzchen deines Herzchens zu sehen.
    Fühl dich fest gedrückt, lass dich in ein paar Wochen feiern und hoch leben und pass auf euch auf!

    1. Ich weiß schon dass man eine gewisse Sorge aks Mutter immer beibehält. Aber hast Du auch jeden Tag Angst, dass das Herzchen einfach aufhört zu schlagen? Dass Dein eigener Körper nicht genug für die Versorgung des Babys tun kann? Ich versuche diese Gedanken immer durch positive zu ersetzen aber manchmal gelingt es einfach nicht.

      1. Das ist sicher bei dir nochmal intensiver. Sonja schrieb es sehr schön: Nachts hochschrecken und gucken, ob es noch atmet hatte ich sehr oft, als es da war. Es hat ein Jahr gedauert, keine Panik mehr zu haben, dass er plötzlich irgendwie unter die Decke kommt und dort erstickt. Nimm die negativen, wie die positiven Gefühle an.

  2. Dein Drei-Punkte Plan klingt doch klasse 😊 und ich hoffe, dass heute Abend nach dem Termin richtig gut schlafen kannst 😍

  3. Eine meiner Foren-Mädels hat sich einen Doppler für zuhause gekauft. Ihr hilft es, wenn sie mal wieder die Angst packt, dann jederzeit den Herzschlag des Babys hören zu können. Vielleicht ist da ja auch was für dich.

    1. Darüber hab ich auch lange nachgedacht aber mich dagegen entschieden weil ich Angst hatte dass ich den Herzschlag nicht richtig finden könnte und dann noch beunruhigter wäre. Ich halte durch bin zum nächsten Termin in 5 Tagen. ❤

      1. Es gäbe sonst auch ein mietbares Ultraschallgerät für zu Hause. Ist halt teuer und soll ja auch nicht toll für’s Baby sein. Ich werfe es nur ein, weil da vermutlich die Interpretationsschwierigkeit wegfällt.

  4. Ich kann mich signorafarniente nur anschließen. Auch wenn das jetzt wenig hilft, aber tatsächlich habe ich fast täglich wegen bzw. um mein Kind Angst, meist nur unterschwellig, manchmal- ganz selten- so dass es mich fast zerreißt.

    Ich wünsche dir, dass du es bald spürst, denn das entlastet ungemein.

    1. Ja, auf den Moment warte ich so sehnsüchtig und hoffe dass es bald sein wird. Google schon täglich wann „normal“ wäre. Aber was ist schon normal?!

      1. Ist dein Baby denn im Ultraschall aktiv oder schläft es eher?

        Ich habe tatsächlich schon so früh was gespürt, dass nichtmal der Frauenarzt es glauben wollte…

      2. Bisher war es eher aktiv während des Schalls. Bin gespannt wie es sich anfühlt und ob ich es dann auch eindeutig zuordnen kann.

      3. Es kann auch sein, dass du es schon die ganze Zeit fühlst… richtig zuordnen kann man es erst später, finde ich.

        Anfangs war es wie ein Käfer im Bauch und dann wie ein Fisch 🤣… zumindest war das meine Assoziation

    2. Ein Käfer oder ein Fisch… ich musste Schmunzeln und hoffe sehr dass es sich bald so anfühlt. Die meisten beschreiben es als Seifenblasen oder Flattern. Ich will lieber einen Käfer. Und zwar nen dicken Brummer. 🙂

  5. Hey Jiuliena,
    ich kann mich den anderen Schreibern hier nur anschließen. Mein Größter wird dieses Jahr 16 und meine Jüngste wird nächstes Jahr 2 Jahre alt. Die Ängste und Sorgen werden nie völlig verschwinden, egal wie alt die Kinder werden, egal wie selbstständig. Selbst wenn sie ausziehen, reisen, arbeiten, heiraten usw. Man macht sich immer Sorgen.
    Liebe Grüße 🌹

    1. Sorgen ja, das glaube ich sofort. Aber Angst dass von heute auf morgen einfach das Herzchen aufhört zu schlagen? Hast Du das auch jeden Tag? Ich hoffe nicht! 😓

      1. Bestimmt nicht so intensiv wie du, aber nachts hochschrecken und nachschauen ob das Kind noch atmet, kam bei mir auch oft vor.
        Liebe Grüße 🌹

  6. Ich teile deine Ängste und auch deinen Wunsch, das alles unbeschwert zu genießen absolut!
    Ich gebe auch den anderen Mädels hier recht, man gewöhnt sich an das besorgt sein, es gehört dazu. Was da hilft ist, trotzdem zu wissen, dass dies eine Phase ist und diese die Sorgen zu dieser Phase sind. Das geht vorüber. Und mit jedem Meilenstein übt frau sich immer mehr in Vertrauen, dass es gut wird.
    Und jetzt ein ganz pragmatischer Tipp – es gibt Apps, die übers Mikro die Herztöne aufnehmen und wiedergeben. Die sind absolut ungefährlich für das Baby und dienen genau diesem Zweck, der Mama etwas Ruhe und Zuversicht verschaffen! So eine App war meine Rettung!

    1. Wow, von so einer App hab ich das erste Mal gehört. Ist dann quasi wie ein Fetaldoppler oder? Welche hattest Du denn? Und funktioniert das wirklich? Empfängt/Sendet mein Handy dann Ultraschalltöne? 🤔

      1. Es gibt mittlerweile viele solche Apps, schau nach Baby+Herzschlag. Im Prinzip funktioniert das so, du stellst das Handy auf Flugmodus, legst die Seite mit dem Mikro auf den Bauch und machst eine Aufnahme, die lässt du danach laufen… so viele Male wie nötig :). In der Beschreibung der Apps steht ab welche Woche das sehr zuversichtlich klappt. Da es ungefährlich ist, habe ich es mir zum Abendritual gemacht und das hat echt geholfen, Zuversicht zu schöpfen.

      2. Also nein, keine Ultraschalltöne. Es nimmt lediglich über das Mikro auf, was in deinem Bauch vor sich geht und filtert das Herzchen deutlich zum Hören raus

      3. Ich habe mal ein wenig geschaut, aber irgendwie nichts gefunden, was ohne Zubehör funktioniert hätte. Bin auf ein Youtube Video gestoßen, wo eine Schwangere die Herztöne mit einer normalen Aufnahme App abgehört hat. Das hat bei mir nicht funktioniert. Hätte mich aber auch gewundert. Jetzt habe ich das Projekt erstmal aufgegeben und warte bis zum nächsten Termin der schon in wenigen Tagen ist. 🙂

  7. Liebe Jiuliena,
    nachdem ich deinen Blog schon sehr lange als stille Bewunderin verfolge, möchte ich mich heute ausnahmsweise aus der Deckung wagen. Zu sehr spricht mir das Thema Angst und der damit verbundene Wunsch nach Unbeschwertheit und Leichtigkeit aus der Seele.
    Nach einer langen Phase des Kinderwunsches und vielen Rückschlägen war ich vor drei Jahren endlich schwanger geworden. Ich erinnere mich an eine Phase des Hochgefühls und neuer, vorsichtiger Pläne und Träume, bis ich das Kind in der 9ten Woche wieder verlor. Darauf folgte mein persönlicher mentaler Absturz, gepaart mit einem trotzigen, verzweifelten Willen, nicht aufzugeben. Nach erneuten Rückschlägen folgte wieder eine Schwangerschaft, die ich- obwohl sie schlussendlich gut ausging! – in ständiger Angst verbracht habe. Angst vor einer erneuten Fehlgeburt, vor den Blutungen, die mich bis in die 20te Woche begleiteten, vor einer Frühgeburt, vor zu viel Bewegung, vor zu wenig Bewegung, davor, mich zu früh zu freuen… ich hatte Angst vor allem, sogar Angst vor der Angst, denn Entspannung fördert ja bekanntlich einen positiven Schwangerschaftsverlauf. Ich war ein Meister im abrufen von Fehlgeburts -Wahrscheinlichkeiten und Überlebens-Statistiken.
    Als die Kinder- es waren 2 – schlussendlich auf der Welt waren, träumte ich jede Nacht den selben Traum, nämlich, dass ich eins von ihnen im Schlaf versehentlich erdrückte (ich habe sie deshalb niemals mit ins Bett geholt, trotzdem dieser Traum, bis sie ca 1,5 Jahre alt waren). So, lange Rede gar kein Sinn, was möchte ich damit sagen?
    Ich denke, dass eine gewisse Sorge um ein ungeborenes wie geborenes Kind völlig normal ist und auch dazu gehört. Ist es glücklich? Ist es gesund? Hat es alles was es braucht? Sind wir gute Eltern? … Angst hingegen ist es nicht.
    Wenn ich diese Phase meines Lebens mit dem heutigen Wissen noch einmal anders leben dürfte, würde ich mir frühzeitig professionelle Hilfe (in meinem Fall: zum Reden und Reflektieren) suchen. Ich glaube, dass der Rucksack, den viele Kinderwünschler*innen tragen müssen, zuweilen zu schwer ist, um ihn so allein und „unbeschwert“ zu tragen, wie jemand, der „normal“ schwanger geworden ist. Sich Hilfe zu suchen finde ich wichtig und dass sie professionell ist umso mehr. Wenn dir nach psychologischer Betreuung nicht zu Mute ist, finde ich die Idee, deinen Gym um mehr Ultraschalle und damit mehr Sicherheit zu bitten absolut legitim und gut. Selbst aktiv zu werden mit Apps oder Fetal Doppler halte ich für nicht sinnvoll. Zu groß ist die Fehleranfälligkeit und damit das erneute Futter für die Angst.
    So. Dies ist meine lange, zusammen gefasste, ungefragte Meinung. Ich hoffe sie hilft ein wenig. Dir weiter alles Gute!

    1. Hallo Sani, wie schön, dass Du Dich „aus der Deckung“ gewagt hast. Vielen Dank für Deine Zeilen. Ich fühle mich von Dir unglaublich verstanden. Sorge und Angst sind für mich auch zwei Paar Schuhe und Du beschreibst es genau richtig.
      Professionelle Hilfe nehme ich gerade nicht in Anspruch. Die Hebamme hilft mir ein wenig und oft habe ich auch wirklich gute Tage und träume von der Zeit wenn das Mini da ist. Und dann gibt es wieder solche Tage wie der, an dem dieser Text entstanden ist… Ich glaube für viele nicht nachvollziehbar ohne langen Kinderwunsch oder ohne Fehlgeburten. Denn für meine Freunde bin ich jetzt einfach schwanger und müsste doch der glücklichste Mensch der Welt sein?! „Jetzt geht nichts mehr schief.“ Ich versuche meine Schwangerschaft zu genießen, gebe mein Bestes, aber die Vergangenheit kann man leider nicht wegwischen und so muss ich denke ich mit den Ängsten gerade leben. Und so lange die guten Tage überwiegen, ist das auch für mich tragbar.

      Wie alt sind Deine zwei jetzt?

      1. Liebe Jiuliena,
        als ich deinen Eintrag gelesen habe, bin ich ins Grübeln gekommen, wie es heute bei mir mit der Angst ist. Die beiden Kleinen sind jetzt gut 2 Jahre alt und ich kann tatsächlich sagen, dass diese furchtbare Verlustangst weg ist. Sie wurde Schritt für Schritt ersetzt durch die kleinen und großen Sorgen des Alltags (geht es ihnen gut? Würde es ihnen anders besser gehen? Wo bleiben wir als Paar? Reicht das Geld? Wo bleibe ich? Was passiert mit meinem Job?…) Natürlich habe ich manchmal auch Angst. Neulich, als mir Nr 1 irgendwie ausgebüxt war, blieb mir im wahrsten Sinne die Luft weg. Als ich das Blut am Kopf von Nr 2 nach einem schlimmen Sturz gesehen habe.. Aber diese Angst ist situativ und das macht für mich den Unterschied.
        Ich habe mal irgendwo gelesen, dass Angst evolutionär gesehen, etwas Gutes ist. Sie schützt uns vor Gefahr, indem sie in existentiell bedrohlichen Situationen das Ruder übernimmt. Adrenalin wird ausgeschüttet, alle Sinne geschärft und auf die Gefahr gelenkt, alle Muskeln sind bereit dem Säbelzahntiger zu entkommen, das Auto aus der Gefahrenzone zu steuern usw. Angst wird hingegen schädlich, wenn sie nicht mehr konkret ist dh. deinen Alltag beherrscht und dich so daran hindert, das zu tun, was du dir wünscht und eigentlich brauchst.
        Während meiner Schwangerschaft hätte ich es viel mehr gebraucht, mein „Nest“ zu bauen und im Ausstattung kaufen, Kinderzimmer einrichten, Namen überlegen, Arbeitspakete an Nachfolger übergeben und Vorkochen zu versinken. Stattdessen habe ich mir mit jedem Strampler, den ich gekauft habe, auch immer die Frage gestellt, ob das nicht zu früh ist, ob ich mir damit nicht ein weiteres, grausames Erinnerungsstück „im Falle dessen“ schaffe. Von mir gibt es in den ersten 7 Monaten meiner Schwangerschaft kaum Fotos, mein Abschied von meinen Arbeitskollegen war früh und hastig – mein Beschäftigungsverbot war rückblickend sicherlich auch Resultat meiner dauernden Ängste, unseren geplanten Urlaub haben wir abgesagt… die Liste kann ich ewig weiter spinnen. Natürlich, gemessen am Resultat war das NICHTS. Ich wäre zu weit Größerem bereit gewesen und mein Mann auch. Aber, und das wird mir immer klarer, es war auch nicht notwendig. Ich musste keine derlei Opfer darbringen, um diese beiden wundervollen, so schmerzlich herbei gesehnten Wesen zu bekommen. Und du musst das auch nicht! Die Angst ist erklärbar, ja. Jeder, der nur einen Bruchteil dessen miterleben musste, was du durchgemacht hast, kennt sie. Aber man muss sie nicht hinnehmen. Sie gehört nicht „dazu“, nicht zwangsweise. Und alles was sie mindert, ist wichtig und richtig.
        Ich weiss noch genau, wie bei mir in der 8ten Woche das erste Mal Blutungen einsetzten, natürlich an einem Freitag Abend. Natürlich wusste ich, dass ich „im Falle dessen“ absolut garnichts hätte tun können, dass nichts etwas geändert hätte. Trotzdem sind wir sofort ins Krankenhaus gefahren. Mein Mann hat mich vorm Eingang kurz zur Seite genommen und mir gesagt „Sani, wir gehn da jetzt rein und gehen auch erst wieder raus, wenn wir Gewissheit haben. Du musst dich aber bitte darauf einstellen, dass sie dich im schlimmsten Fall wie Dreck behandeln. Sie haben Stress, keine Zeit und du bist kein Notfall, darauf muss du ab hier und jetzt anfangen zu schei**en.“ Ganz so schlimm war’s dann nicht, aber willkommen waren wir auch nicht. Trotzdem haben wir es bei allen 5 Malen nochmal genauso gemacht. Weil es uns mit der Gewissheit besser ging. Dazwischen und auch nach den Blutungen bin ich bei jedem schlimmen „Zwacken“ und jeder schlimmen Vorahnung zu meinem Frauenarzt gegangen. Denn leider ist der Fundus eines verunsicherten, ängstlichen Hirnes während einer Schwangerschaft – und leider auch noch danach – quasi unausschöpflich… sind die starken Schmerzen „normal“? Ich habe schon länger keine Bewegung mehr verspürt, leben sie noch? Oder nur eins? Sind das Wehen? War das der Schleimpfropf? nach der Geburt: bekommen sie ausreichend Nahrung? Überhitzen sie? Dehydrieren sie? Ersticken sie? Atmen sie noch? Sind sie krank?
        Ich möchte dir mit diesen schillernd geschilderten „Angst-Fragen“ keine weitere Angst einjagen, im Gegenteil. Ich glaube diese Fragen- und viele viele mehr – stellen sich alle Eltern früher oder später einmal. Ich glaube aber auch, dass sie dich härter treffen werden, als andere. Du bist schon so viel länger im Ring als viele andere von uns. Dich wird nach so vielen Nieren Haken und Tiefschlägen wahrscheinlich die kleinste Backpfeiffe nieder strecken. Pass daher besonders gut auf dich auf. Und auch wenn ich mich wiederhole: alles, was dir hilft ist erlaubt und richtig. Aaaaber… guck, dass du dich an Fachleute wendest. Ärzte, Psychologen, Hebammen.. Mir hat mal jemand gesagt: „don’t google with a Kugel‘. Dran gehalten hab ich mich natürlich nicht, aber Recht hat er gehabt.
        Dein treuer Fan, Sani;)

    2. Oh man, ich musste schon fast ein Tränchen wegdrücken bei Deinem lieben Post. Vielen Dank für die schönen, lieben und Mut machenden Worte. Ich glaube dass ich trotz meiner Ängste mittlerweile auf einem sehr guten Weg bin damit umzugehen. Die guten Tage überwiegen eindeutig. Schön fand ich Deinen Satz „Du musst keine Opfer bringen.“ Das klingt hart, aber manchmal denke ich echt dass es so war / ist. Opfer habe ich genügend gebracht. Nach 5 Fehlgeburten bin ich meiner Meinung jetzt einfach auch einmal dran belohnt zu werden. Bald ist der nächste Termin (Organscreening) und ich fang schon wieder an zu zittern, aber ich weiß dass wir das schaffen und nach dem Termin selig grinsen werden und wir im Dezember unser kleines Mini im Arm halten werden dürfen.

  8. Ich habe gerade keine Zeit, alle Kommentare zu lesen, oder etwas langes zu Schreiben, aber meine persönliche Erfahrung ist folgende:
    Ich hatte in beiden Schwangerschaften große Angst, dass die Kinder einfach so im Bauch sterben. Keine konkrete Angst vor Krankheiten oder Behinderungen, sondern einfach ein unspezifisches „beim nächsten CTG/Ultraschall schlägt das Herz bestimmt nicht mehr“.
    Besser wurde es (wie ja viele berichten) beim Spüren der Bewegungen.
    Viel (viel viel viel viel) besser wurde es mit der Geburt. Klar habe ich in den ersten Wochen manchmal geschaut, ob sie noch atmen (oder nicht doch einfach so gestorben sind), klar habe ich in bestimmten Situationen Angst, dass ihnen etwas passiert, klar bin ich auch immer wieder mal besorgt, ob ich alles richtig mache. Aber (für mich!) ist es qualitativ und quantitativ ein himmelweiter Unterschied und ich würde nicht formulieren, dass die Angst um das Kind nicht weg gegangen ist.
    Ich hoffe ganz fest, dass es dir auch so gehen wird und dass dein Kind dich bald mit Bewegungen beruhigt!

    1. Danke mairae! Genau diese Angst ist es. Denn ich habe es schon mehrfach erlebt. Der Herzschlag war einfach weg. Auch wenn das immer viel früher war und ich nun schon viel weiter. Die Angst bleibt. Ich versuche aber sie nicht überhand nehmen zu lassen. Und an manchen Tagen gelingt das auch ganz gut. Bald ist der nächste US Termin und ich bin jetzt schon ganz aufgeregt.

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