Die magische Zeit.

Eine Schwangerschaft ist etwas Wunderbares, Einzigartiges und wird nicht umsonst „Wunder der Natur“ genannt. Besonders die letzten Wochen der Schwangerschaft sind einfach nur magisch und vergehen wie im Flug. Ich wache früh um sechs auf, weil ich nicht mehr schlafen kann. Der Kleine Mann macht Morgengymnastik. In. Meinem. Bauch. Außerdem ist der Versuch im Sitzen zu schlafen, um das Sodbrennen zu vermeiden, mal wieder gescheitert.

Ich bin genervt und richte mich auf. Mini gibt kurz Ruhe und freut sich wahrscheinlich dass ich wach bin. G. schläft seelenruhig weiter. Also stehe ich auf und schlürfe ins Bad. Dabei stolpere ich über einen der Drölfmillionen Pappkartons in unserer Wohnung und bin genervt. Fast täglich klingelt der freundliche DHL Mann nun um uns irgendein (Baby-)Paket zu überreichen, in dem sich Windeleimer, Spieluhr oder ein Fußsack befinden. Die Kartons stehen leer in unserer Wohnung, aber aufgrund der jüngsten Ausdehnung meines Bauches nehme ich sie nicht mehr oder kaum noch wahr und stolpere gern mal drüber.

Ich habe Hunger aber bin zu faul mir Frühstück zu zubereiten und mein Chef de Cuisine, G., liegt ja noch im Bett. Mist. Direkt setzt mein Sodbrennen wieder ein. Ich brauche dringend Frühstück. Genervt öffne ich die Kühlschanktür und mir fällt eine offene Milchpackung entgegen. Sie landet außerhalb meines Schwangerenorbits in einer mir unbekannten Welt: dem Fußboden. Am Rande nehme ich wahr wie sich die weiße Flüssigkeit ausbreitet, aber meine Reaktionsfähigkeit lässt zu Wünschen übrig. Bücken und Wegwischen wäre jetzt gerade zu anstrengend. Das schaffe ich nicht. Gierig blicke ich auf das Nudossiglas, aber mein Diabetes sagt „Nein!“ Leider ist das Glas das einzige Lebensmittel was für mich erreichbar ist, also schnapp ich es mir. Es ist einfach stärker als ich. Dann gibt es heute eben eine Extraladung Insulin.

Diese Aktion war alles in allem schon sehr anstrengend. Schnell auf die Couch und Füße wieder hochlegen. Auf der Couch stelle ich dann leider fest, dass ich weder Brot noch einen Löffel für die Schokocreme mitgenommen habe. Wieder aufstehen? Unmöglich! Egal! Ich komme noch ziemlich gut mit meinen Fingern an die leckere Substanz. Während ich so mit dem Nudosi auf der Couch liege, scrolle ich durch Instagram und entdecke die hunderste Story einer Mama-Influenzerin, die sich mit ihrer Topfigur und ihrem neuen Freund am Strand von Mauritius räkelt. Ich muss laut niesen und ja – was soll ich sagen: Wenn ich lache, huste oder niese, muss ich mir immer ein bisschen in die Unterhose pinkeln. Danke Östrogen und Progesteron, dass ihr die Muskeln meines Beckens dehnt und weicher werden lasst. Außerdem ist mein Handydisplay nun Rotz- und Nudossiverschmiert.

Ich stehe von der Couch auf und das sieht alles andere als elegant aus. Eher wie ein ziemlich dicker Käfer, der es nur mit Mühe und nach einiger Zeit ohne Hilfe schafft sich aufzurichten. Ich versuche mir etwas anzuziehen. Schließlich habe ich gleich noch einen Termin bei der Hebamme. Gern würde ich mal wieder eine coole Klamotte aus meinem Schrank ziehen, aber eigentlich passen mir nur noch ungefähr 2 Leggings und 2 Shirts, die ich immer im Wechsel anziehe. Beim Versuch mir die Socken überzuziehen, kippe ich um wie eine umgeworfene Kuh. Nur mit viel Anstrengung schaffe ich es aus meinen restlichen Schlafsachen. Schnürsenkel zumachen ist schon seit einigen Wochen die größere Herausforderung als der Klimawandel. Ich hab mir daher ein paar stilsichere Chelseaboots gekauft, die man einfach nur hochziehen muss. Aber auch das ist nicht wirklich einfach. Ich bewege mich im Schneckentempo aus dem Haus und brauche für den Weg zu ihr beinahe eine Stunde, was sonst in 20 Minuten geht. Ich könnte auch das Auto nehmen, aber beim letzten Versuch die Windschutzscheibe vom Frost zu befreien, bin ich kläglich gescheitert und habe es nicht bis zur Mitte der Frontscheibe geschafft. Obwohl ich gar nicht soooo viel zugenommen habe, fühle ich mich manchmal wie Reiner Calmund zu seinen besten Zeiten oder wie ein Tyrannossaurus Rex mit zu kurzen Armen. Der Bauch ist einfach immer und überall im Weg. Inzwischen lässt sich aber auch ein Bierglas ganz gut darauf abstellen. Wenn ich Bier trinken würde. Und dürfte. Hach.

Der Besuch bei meiner Hebamme ist dann so anstrengend und kostet mich ungefähr so viel Kraft, als hätte ich zwei Tage lang im coolsten Club Berlins durchgefeiert. Danach setze ich mich erst einmal in die Badewanne. Dort bleibe ich dann auch so 1,5 – 2 Stunden, weil ich einfach keinen Bock habe aufzustehen. Vollkommen verquollen fischt mich G. irgendwann raus. Gott bin ich ihm dankbar. Auch dafür, dass er meine plötzlichen Heulanfälle erträgt, mich massiert, für mich kocht und mich auslacht, wenn ich motzig bin.

Wenn mich jemand fragt wie es mir geht, sage ich ich immer blendend und verneine vehement, wenn mir jemand Hilfe anbietet. „Ach das geht schon… Ich bin ja nicht krank…“ Ja, diese Zeit ist magisch und einzigartig und dennoch werde ich sie vermissen.

15 Kommentare

  1. Gegen Sodbrennen hilft Milch trinken (hält etwa eine halbe Stunde) und wenn es länger halten soll, dann ungeschälte Mandeln essen. Das hat mit mal meine Hebamme geraten und hat sich in vier Schwangerschaften bewährt.
    Liebe Grüße 🌹

  2. Was wäre die Blogwelt nur ohne dein Talent du schreiben und zu berichten? 😍 Vermutlich langweilig und grau. Ich musste so lachen und nicken und saß gefühlt neben dir in den letzten Schwangerschaftswochen mit dickem Bauch. Danke für den Flashback! Ich wohnte in den letzten Schwangerschaftswochen 2019 in der römischen Jogginghose, denn sie war das einzige Kleidungsstück, das noch passte. Als er sie nach der Geburt kurzerhand abschnitt, weil sie Löcher hatte, heulte ich hemmungslos. 😄

    Ich freue mich schon auf deine Berichte mit Baby. 🤗

  3. Wow … Jammern auf hohem Niveau nach den Fehlgeburten. Aber man will ja die Leserschaft bei Laune halten. Unglaublich…Egoistisch

    1. Weißt Du für mich ist diese Schwangerschaft immer noch das reinste Wunder und ich bin jede Sekunde dankbar dafür, dass bisher alles gut aussieht. (Noch ist das Mini ja nicht da.) Aber es gibt natürlich trotzdem Momente die mich anstrengen und die werden in Zukunft, wenn Mini endlich bei uns ist auch sicher eher mehr als weniger. Ich denke dass ich auch darüber berichten werde, dass – trotz des intensiven Kinderwunsches – ich mich nicht immer auf Wolke 7 befinden werde. Und trotzdem werde ich es anders zu schätzen wissen und auf eine ganz bestimmte Art genießen Mutter zu sein, als Frauen deren Weg nicht so steinig war. Und wenn Du den Beitrag komplett gelesen hast, hast Du genau das auch verstanden, denn das drückt er aus. Ich schreibe hier übrigens nicht für „meine Leserschaft“, sondern immer noch nur für mich, denn ich verdiene genau 0Eur mit diesen Zeilen.

    2. Macht uns gerade das nicht zu Menschen? Wir bestehen nicht nur aus einem Gefühl – der puren Freude. Nein, wir bestehen auch aus Unwohlsein, aus Trauer, aus Wut, aus Angst, Überforderung. Eine Schwangerschaft ist aufregend und sie bringt nicht nur 24/7 Freude mit sich. Wer wochenlang an Sodbrennen, Senkwehen und Schwierigkeiten die Schuhe zu binden leidet, denn ja, es ist unangenehm, der versprüht nicht mit jeder Körperzelle pure Freude. Auch nach der Geburt ist man, trotz lang ersehntem Wunschkind, kein Roboter. Oben herum tut’s weh, unten herum tut’s weh, aber das ist es wert, weil man sein kleines Bündel Mensch im Arm hat.

      Und ja, ich finde es schön, dass Jiuliena auch darüber schreibt. Alles andere wäre weder authentisch, noch glaubwürdig. Dann könnten wir alle zu Instagram abwandern, wenn wir nur happy peppy Leben sehen wollen würde.

      P.S. Ich empfehle das Buch “Wir alle spielen Theater” von Goffman als weiterführende Lektüre.

  4. Wieder einmal ein wunderbarer Blogeintrag, der mich sehr zum Lachen gebracht hat. Vielen Dank, dass du uns so teilhaben lässt! 😊

    Und so sehr man sich über die Schwangerschaft freut, gerade wenn der Weg dahin länger war – man muss sich trotzdem nicht über alles freuen! Man darf auch mal meckern und jammern!
    Und das darf man auch dann wenn das seit Jahren so sehr gewünschte Kind endlich da ist.
    Es ist nämlich nichts nur schwarz oder weiß.

    Ich fand das erste Jahr mit Baby wunderwunderwunderschön und gleichzeitig so unendlich anstrengend, dass ich sehr oft heulend da gesessen habe, weil ich nicht wusste, wie ich das überstehen soll. Dieser Schlafmangel und die komplette Fremdbestimmung und das IMMER – 24/7, 7 Tage die Woche,… Das war schon krass. Und da darf man sich auch mal ausheulen. Ich finde sogar man sollte das unbedingt tun! Anstatt das alles in sich rein zu fressen oder sich einzureden (oder noch schlimmer: von anderen anhören zu müssen) man müsste doch jetzt durchgängig auf Wolke 7 schweben.

    Und mein Lieblingsmantra um all das zu überstehen ist ja schon lange: „Alles nur eine Phase“ denn genau so ist es. Und – im Nachhinein betrachtet – unglaublich schnell ist die erste Zeit mit Baby auch schon rum, plötzlich entdeckt das Kleinkind die Welt und man selber findet von Monat zu Monat wieder mehr statt. Und ertappt sich dabei sich sogar manchmal diese anstrengenden ersten Monate zu vermissen. Weil es trotz all der Anstrengungen einfach eine unfassbar wunderbar zauberschön magische Zeit ist. ❤️

    Gegen Sodbrennen kann ich „Rennie“ übrigens total empfehlen. Ist in der Schwangerschaft erlaubt und war mein absoluter Retter damals, weil nichts anderes geholfen hat.

  5. Mein absoluter LIeblingssatz: „Sie landet außerhalb meines Schwangerenorbits in einer mir unbekannten Welt: dem Fußboden.“ 😉 also ich bin ja noch weit weg von deinem Schwangerschaftsfortschritt, aber ich kann das schon jetzt ein bisschen nachvollziehen… Ich hab bis jetzt selten Sodbrennen, aber Gaviscon ist auch sehr gut und ich hab ca. 7x nachgelesen, ob man es eh in der Schwangerschaft verwenden darf. 🙂

  6. Ach, ich gönne es dir von ganzem tiefen Herzen deine Schwangerschaft mit Höhen UND Tiefen zu erleben und so bewusst und ganz allein deine..
    Nicht dissen lassen, nie, bringt nichts.

    Also einfach nur: Herzlichen Glückwunsch an dich und an euch!
    Gute magische letzte Tage/Wochen!
    Bei mir war das (auch) eine ganz eigene Zeit, teils in Habacht, teils in Bleichnoch, teils in Kommdoch.

  7. Oh Gott, das kenn ich so gut – ich hab in der 1. Schwangerschaft vor Sodbrennen gekotzt, konnte das Pee auch nicht mehr halten und hatte wegen jedem Sch*** Nasenbluten. Ich hab am Ende nur geheult, weil ich wollte, dass es endlich vorbei geht!

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